Instruc­tional Design


Was das ist, wie das geht und was du davon hast

Der Begriff


Während die Begriffe E‑Learning, Learning-on-Demand oder Blended Learning mittler­weile feste Bestand­teile eines jeder Lernstra­tegie – egal ob im akade­mi­schen oder betrieb­lichen Rahmen – geworden sind, ist der Begriff Instruc­tional Design noch wenig verbreitet. Dabei gibt dieses Konzept dem itera­tiven Prozess der Wissens­ver­mittlung einen theore­ti­schen Rahmen, der in der Praxis fast immer statt­findet – oder zumindest statt­finden sollte. Daher widmen wir uns in diesem Beitrag dem Thema Instruc­tional Design, seinen Methoden, Modellen sowie medialen Komponenten.

Was ist Instruc­tional Design?


Unter Instruc­tional Design (kurz ID, seltener deut. Instruk­ti­ons­design) versteht man die syste­ma­tische Planung, Konzeption und Evalu­ierung von Lern- und Lehrum­ge­bungen.

Bevor wir aller­dings weiter machen, müssen wir uns mit dem Begriff “Lernen” an sich beschäf­tigen. Lernen wird fälsch­li­cher­weise zu sehr im akade­mi­schen bzw. schuli­schen Kontext angesiedelt. Hiervon sollten wir uns jedoch entkoppeln. Denn Lernen im weiteren (psycho­lo­gi­schen) Sinne bedeutet den zielge­rich­teten oder beiläu­figen Erwerb von Kennt­nissen oder Fertig­keiten. Die psycho­lo­gische Definition ist weder ort- noch perso­nen­ge­bunden, was wiederum bedeutet, dass Lernpro­zesse lebenslang allen Menschen auch ohne insti­tu­tio­nellen Bezug zugänglich sind.

Nun zurück zum Instruc­tional Design. Das moderne ID basiert auf empiri­scher Forschung und ist eng mit dem Einsatz digitaler Informations- und Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel verbunden. Im Gegensatz zu der klassi­schen akade­mi­schen Konno­tation, beschäftigt sich das ID mit jedem syste­ma­ti­schen „Arran­gement von Umgebungs­be­din­gungen, auch unter Einsatz verschie­denster Medien, das geeignet ist Kompe­tenzen zu fördern.“ (vgl. Wikipedia) Leider stehen bisher nur die kogni­tiven Aspekte im Vorder­grund, motiva­tionale und emotionale Aspekte der Wissens­ver­mittlung und ‑aneignung wurden bisher wenig beachtet.

Instruc­tional Design: Modelle, Methoden, Prinzipien


Wie auch in jedem intensiv erforschten Bereich existieren auch im Instruc­tional Design eine Vielzahl an theore­ti­schen Modellen. Wir werden an dieser Stelle nur auf die drei gängigsten Modelle eingehen. Eine ausführ­liche Übersicht und einen Vergleich kannst du aber hier finden: Instruc­tional Design Models von Tonia A. Dousay.

1. ADDIE-Modell


ADDIE steht für die einzelnen Schritte des ID-Prozesses Analyse, Design, Develop, Implement und Evaluate. Und ist somit recht selbsterklärend.

Analyse

Probleme analy­sieren, vorhan­denes Wissen sowie Materialien analy­sieren, Bedarf festlegen, Festlegung der Ziele

Design

Grob- und Detail­planung, erste Inhalte zusammenstellen

Develop

Entwicklung der Materialien und Medien sowie erster Pilottest

Implement

Durch­führung des Training, Imple­men­tierung der Materialien, Einholen des Feedbacks

Evaluate

Kontrolle und Messung des Lernerfolgs und der Errei­chung der Ziele

Auch wenn das ADDIE-Modell einen syste­ma­ti­schen und klaren Rahmen bietet, wurde das Modell mehrfach für ihre Starrheit und fehlende Flexi­bi­lität kritisiert.

2. 4C/ID Modell


Das Vier-Komponenten Instruc­tional Design-Modell ist deutlich jünger als das ADDIE-Modell und wurde explizit für die Vermittlung komplexer kogni­tiver Fähig­keiten entwi­ckelt. Hier stehen primär wieder­keh­rende und nicht-wiederkehrende domänen­spe­zi­fische Fertig­keiten im Fokus. Das Modell wird oft in der Trainings­kon­zeption für Fluglotsen, Ärzte, Techniker bzw. bei Tätig­keiten, die einen hohen Maß von Syste­ma­ti­sierung und Wieder­hol­barkeit erfordern einge­setzt. Die vier Haupt­kom­po­nenten bzw. Arten der Aufgaben dieses Modells sind:

Learning Tasks

Die zu vermit­telnden wieder­keh­renden Fertig­keiten werden in kleine Teilauf­gaben zerlegt, dabei nimmt die Komple­xität konti­nu­ierlich zu.

Supportive Infor­mation

Diese Aufgaben dienen der Aneignung des nicht-wiederkehrenden, oft domänen­spe­zi­fi­schen Wissens.

Just-in-Time Infor­mation

Diese Art der Infor­mation unter­stützt die Aneignung wieder­keh­render Fertig­keiten, wird aller­dings erst bei der konkreten Bearbeitung der Aufgabe dargeboten.

Part-Task Practice

Diese Aufgaben eignen sich zur Festigung der hoch automa­ti­sierten Fertig­keiten und werden dann einge­setzt, wenn die Aneignung durch die Aufga­ben­be­ar­beitung nicht erreicht werden kann.

Dieses Modell wird erfolg­reich in vielen Bereichen einge­setzt, dennoch zielt es nur auf die Vermittlung des Handlungs­wissens und eignet sich kaum für die Aneignung von komplexem Wissen z. B. mit kreativer oder sozialer Komponente.

3. Agile Modelle


Es gibt eine Vielzahl agiler Modelle, die in den letzte 10 – 20 Jahren mit dem Boom agiler Methoden im Allge­meinen entstanden sind. Diese unter­scheiden sich von den früheren Ansätzen darin, dass sie statt eines Wasser­fall­aufbaus einen zykli­schen Prozess vorsehen. Zu den verbrei­tetsten Modelle gehören:

LLAMA (Lot Like Agile Methods Approach) stellt weniger die Konzeption und Erstellung der Lernin­halte in den Mittel­punkt, sondern regelt die Prozesse und gibt dem Projekt­ma­nagement einen Rahmen. Wie in allen agilen Methoden, stehen hier kurze Bearbei­tungs­se­quenzen, viele Itera­tionen und kurze Feedback-Schleifen im Vorder­grund.

SAM (Successive Appro­xi­mation Model) basiert auf dem ADDIE-Modell und versucht, dieselben Prozesse in einer zykli­schen, itera­tiven Weise neu zu gestalten. Der Schwer­punkt liegt dabei bei Wieder­holung, Zusam­men­arbeit und Effizienz, um die häufigsten Probleme von Schulungs­teams zu überwinden.

Instruc­tional Design-Prozess


Unabhängig von dem zugrunde liegenden Modell lässt sich das operative ID-Prozess in klassische Projektmanagement-Schritte gliedern:

1. Konzeption

Bedarfs­analyse
Welches Wissen muss trans­por­tiert werden? Welche Infor­ma­tionen fehlen auf der Seite der Rezipi­enten? Welche Infor­ma­tionen und welches Wissen müssen gesichert oder digita­li­siert werden?

Festlegung der Zielgruppe
An wen richten sich die ID-Maßnahmen – Mitar­beiter, wechselnde Unter­neh­mens­partner, B2B-Kunden, die über neue Produkte aufge­klärt werden, ein Mix aus mehreren Zielgruppen?

Festlegung des konzep­tio­nellen Rahmens
Welche Content-Formen eignen sich und müssen erstellt werden? Welche technische Grundlage steht bereits zur Verfügung? Müssen weitere Tools einge­kauft werden? Wie wird das Corporate Branding umgesetzt?

Zielsetzung
Der wohl wichtigste Punkt, der vor jedem Projekt geklärt werden muss. Bei ID-Projekten muss de Zielsetzung auf zwei Ebenen passieren – die Projekt­ziele (Ablauf, zeitliche Planung) und die Trainings­ziele, die mit den erstellten Kursen erreicht werden müssen.

2. Produktion

Ausar­beitung eines Instruk­ti­ons­de­signs
Der zu vermit­telnde Inhalt wird – meist in Zusam­men­arbeit mit Fachex­perten – in kleinere Sequenzen nach dem Motto „must have“ und „nice to have“ gegliedert. Es lohnt sich für jede dieser Sequenzen das geeignete Medium festzu­legen z. B. ein Video, eine textba­sierte Form, ein Spiel oder ein Mix aus mehreren Formaten. Ebenfalls werden in diesem Schritt die didak­ti­schen aktivie­renden Elemente durch­dacht.

Anfer­tigung eines Story­boards
Das ist der Schritt, in dem die ersten losen Ideen zusam­men­kommen. Das Story­board ist besonders wichtig bei video-basierten Inhalten, ist aber vor allem bei komplexen Kursen oder Trainings von Vorteil. Ein Story­board ist ein Dokument, mit dem Sie Ihre Inhalte visuell organi­sieren und ein komplexes Thema ganzheitlich präsen­tieren und überprüfen können.

Proto­ty­pen­ent­wicklung
Ein funktio­nie­render Prototyp erleichtert die spätere Umsetzung ungemein. Mit einem Proto­typen lassen sich Design-Anforderungen umsetzen, To-Dos definieren und Abgaben durch­führen. Ganz wichtig dabei: Ein Prototyp enthält nur einen Bruchteil der Inhalte und Funktionen des finalen Trainings und muss somit schnell umgesetzt werden können. Identi­fi­zieren Sie vier bis fünf Content-Typen und entwi­ckeln Sie diese anhand der entwi­ckelten Konzeption und der Branding-Richtlinien.

Umsetzung des Trainings
Das ist der Schritt, in dem alle Inhalte inhaltlich finali­siert und medial umgesetzt werden. Abhängig von den Schritten davor kann diese Sequenz sehr unter­schiedlich lang ausfallen. Wenn man jedoch in den Produk­ti­ons­schritten davor nicht gespart hat, gestaltet sich die Umsetzung viel einfacher.

3. Imple­men­tierung

Der Schritt ist zwar inhaltlich recht selbst­er­klärend, muss aller­dings zeitlich und inhaltlich geplant werden. Abhängig von den techni­schen Ressourcen kann sich die Imple­men­tierung von sehr leicht bis sehr komplex (inkl. Development-Ressourcen) erstrecken.

4. Evaluation

Evaluation des Lernerfolgs
Hier ist nicht nur die tatsäch­liche Wissens­ver­mittlung wichtig, sondern auch die Rückmeldung zu den einge­setzten Medien und dem fachlichen Inhalt.

Evaluation des Projektes
Wie ist das ID-Projekt gelaufen? Gab es Schwie­rig­keiten, die eventuell durch weitere Zwischen­schritte elimi­niert werden können? Gibt es Möglich­keiten, das Projekt weniger komplex zu machen?

Evaluation des Impacts
Wurden die übergrei­fende (betrieb­lichen) Ziele des Wissens­ver­mittlung erreicht?

5. Iteration (optional, aber empfohlen)

Besonders bei sehr komplexen Themen oder sehr großen Organi­sa­tionen lohnt es sich, die Trainings­in­halte in den kleinsten sinnvollen Sequenzen nach dem beschriebene Prozess zu entwi­ckeln und iterativ vorzu­gehen. So kann man sich von Mal zu Mal immer weiter profes­sio­na­li­sieren, die Prozesse perfek­tio­nieren und die entste­henden Probleme sofort angehen.

Instruc­tional Design und Einsatz digitaler Medien


Noch nie war es leichter, benötigte Infor­mation zu finden. Gleich­zeitig war es noch nie so leicht , Wissen und Infor­mation zu teilen. Erfolg­reicher Wissens­transfer ist nicht mehr das Vorrecht von großen Playern, die über genügend technische und finan­zielle Ressourcen verfügen. Für eine zweck­mäßige externe oder interne Wissens­da­tenbank ist schon ein Laptop und eine Smartphone-Kamera ausreichend.

Demokra­ti­sierung

Die zu vermit­telnden wieder­keh­renden Fertig­keiten werden in kleine Teilauf­gaben zerlegt, dabei nimmt die Komple­xität konti­nu­ierlich zu.

Perso­na­li­sierung

Die digitale Natur erlaubt es, die notwen­digen Infor­ma­tionen genau auf die Bedürf­nisse der Rezipient*innen auszu­richten und eine entspre­chende Infor­mation dann zur Verfügung zu stellen, wenn diese benötigt wird. Keine gefüllten Meeting­räume mehr, keine geblockten Termine mehr, keine irrele­vanten 08/15 Inhalte. Die Wissens­ver­mittlung kann auf digitale Kanäle ausge­lagert werden und persönlich findet nur direktes Mentoring und Klärung konkreter Fragen statt. So kann die Zeit in Person für das genutzt werden, was digital nur schwer funktio­niert – den Aufbau einer persön­lichen Beziehung.

Flexi­bi­lität

Digitale Formate und Medien bringen mehr Flexi­bi­lität auf beiden Seiten – sowohl für Sender (Unter­nehmen oder Bildungs­ein­rich­tungen) als auch für Rezipi­enten (sei es Trainees, Mitar­bei­tenden, Kunden oder Partner). Digita­li­sierung unter­stützt die Verein­barkeit von Privat- und Berufs­leben, ermög­licht nicht-lineare Karriere- und Bildungswege oder hilft, Talente zu finden, auszu­bilden und zu halten. Unter­neh­mens­seitig hilft die digitale Natur, schneller und agiler auf die Heraus­for­de­rungen am Markt zu reagieren.

Fazit


Mit der stetig wachsenden Anzahl und der Zugäng­lichkeit an verschie­denen Kanälen und Formaten ist es umso wichtiger geworden, die Wissens­ver­mittlung ganzheitlich zu betrachten. Betrieb­liche – und sein wir ehrlich auch akade­mische – Wissens- und Infor­ma­ti­ons­ver­mittlung muss syste­ma­tisch konzi­piert, produ­ziert und evaluiert werden. Ein gelun­gener Wissens­transfer ist mehr als ein paar Einträge ins Intranet zu stellen und ein E‑Learning-Video zu produ­zieren. Genau da schafft der Instruc­tional Design-Ansatz Struktur und gibt einen Rahmen für die Konzeption und die (Weiter-)Entwicklung.

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